Warum es in Gaza unter der Oberfläche brodelt

Dreihundert Meter vor dem Zaun kommt die Menge plötzlich in Bewegung. Die Israelis haben wieder eine Ladung Tränengasgranaten rübergeschossen. Hassan Radwan hat seinen Dreijährigen auf dem Arm. Das Kind beginnt zu schreien, Radwan laufen die Tränen aus den gereizten Augen, seine Frau hält den Fünfjährigen.

Jochen Stahnke

Politischer Korrespondent für Israel, die Palästinensergebiete und Jordanien mit Sitz in Tel Aviv.

Warum nimmt Radwan seine Kinder mit an jenen Ort, an dem über die vergangenen Monate mehr als 250 seiner Landsleute erschossen wurden? „Wir müssen klarmachen, dass wir unsere Situation nicht akzeptieren“, sagt Radwan. „Es ist gefährlich, aber trotzdem müssen sich meine Kinder an unseren Widerstand gewöhnen.“ Ohne die Demonstrationen, sagt Radwan, hätte man von Israel gar nichts bekommen.

Plötzlich unterbrechen Männer in schwarzen Bomberjacken: Die innere Sicherheit der Hamas will Ausweise sehen, Radwan und seine Familie gehen weiter. Dutzende Leute in orangefarbenen Westen kontrollieren zwischen Sandwällen die Zugänge zum unmittelbaren Bereich vor dem Zaun, der Gaza und Israel trennt. Seit einem Jahr strömen jede Woche Tausende Palästinenser in Gaza an den Zaun. Das blutige Spektakel läuft unter dem Aufruf „Marsch der Rückkehr“. Als ob es wirklich darum ginge, zurück in die Dörfer zu kommen, die heute israelisches Hoheitsgebiet sind und aus dem die Vorfahren der meisten Einwohner Gazas geflohen waren.

Hamas und Israel nähern sich an

Für die Hamas, die sich der Proteste rasch bemächtigte, sind sie ein Mittel, um von Israel eine Lockerung der Blockade des Gazastreifens zu erreichen. Die von Ägypten vermittelten indirekten Verhandlungen zwischen Israel und der Hamas stockten. Dann schossen Militante zwei Raketen aus Gaza in den Großraum Tel Aviv. Israel antwortete mit massiven, doch vergleichsweise symbolischen Luftangriffen. Die Unterhändler kamen einander wieder näher. Sowohl Israel als auch die Hamas erklärten die beiden Raketenabschüsse zu einem „Versehen“. Die Hamas weiß, dass in Israel am 9. April gewählt wird und die Regierung einen Krieg vermeiden will.

Am Wochenende wurde von einem Durchbruch berichtet: Qatar darf statt 15 Millionen nun vierzig Millionen Dollar Bargeld jeden Monat nach Gaza transportieren, Israel erlaubt zusätzliche Strom- und Wasserlieferungen. Der Grenzübergang wird für ein wenig mehr Warenverkehr geöffnet, und Bauern sollen jetzt auch nach Israel und ins Westjordanland ausführen dürfen. Im Gegenzug fällt der von der Hamas angekündigte „Marsch der Million“ zum ersten Jahrestag der Zaunproteste weitgehend aus.

Rund 40.000 Menschen ziehen in den Matsch vor die Visiere der israelischen Scharfschützen, gerade zwei Prozent der Bevölkerung in Gaza. Die Zugkraft der Hamas hat nachgelassen. Und die Hamas selbst sorgte dafür, dass es dieses Mal vergleichsweise ruhig blieb. Drei 17 Jahre alte Palästinenser wurden am Samstag getötet. Die israelische Armee spricht von einem der ruhigsten Tage seit Beginn der Demonstrationen.

Mehr als ein Schuldiger

„Wir wollen zurückkehren“ steht auf dem Hemd eines alten Mannes, der dort steht, wo Händler Nüsse und Saft aus fahrenden Holzwägelchen verkaufen. Im Innern des Gazastreifens wurde dieses Motto zuletzt von einem ähnlichen und doch ganz anderen verdrängt: „Wir wollen leben“ – so lautete die Losung eines Protests gegen die Hamas selbst. Vor Tagen gingen an verschiedenen Orten des Gazastreifens vorwiegend junge Menschen gegen „die Regierung“ auf die Straße.

Источник: Corruptioner.life

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