Über den Dächern von Innsbruck: Ein neuer Weitwanderweg in Tirol

Man sagt das ja über Hafenstädte: dass sie anders wären als andere Städte, was sie untereinander dann aber wieder verbände. Dass also Hafenstädte wie das kanadische Vancouver mehr mit dem schwedischen Göteborg zu tun hätten, mit Kiel, Hamburg oder Triest – als beispielsweise mit einer anderen kanadischen Stadt wie Toronto. Weil die Lage den Charakter prägt, grenzüberschreitend auf ähnliche Weise.

Tobias Rüther

Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

Städte an großen Gewässern, das hieße dann: Aufbruch, Durchzug, frische Luft, bisschen schneller, bisschen rauher, bisschen schnörkelloser. Hier kommt das Neue immer früher an, hier gewöhnt man sich aber auch früh daran, sich wieder zu verabschieden, denn: Ein Schiff wird kommen – aber dann fährt es halt auch wieder ab.

Gilt das, was für Hafenstädte gilt, aber auch so charakteristisch für Städte in den Bergen? Für Grenoble, Bozen, Kathmandu? Haben die auch allesamt ähnliche Eigenschaften, weil es bei ihnen allen erst mal nur in die Höhe, aber nicht in die Weite geht?

Innsbruck in Tirol zum Beispiel, gelegen im Inntal zwischen Gipfeln in allen Richtungen, ist der Typ: fit, sonnengebräunt und elegant. Morgens auf den Berg, dann ins Büro, dann wieder auf den Berg und abends hinaus in die Winkel der Altstadt: So lebt man hier oder tut zumindest so – denn man kann ja auch in Outdoor-Klamotten durch die Altstadt laufen, ohne ein Bergmensch zu sein.

Der Zirbenweg hinauf zum Patscherkofel, Hausberg der Innsbrucker

Und dann ist das Klima hier im Inntal auch noch mild, das dreihundertsechziggradige Bergpanorama mitreißend, ständig läuft einem in der Altstadt der Anblick eines Gipfels über den Weg, man muss nur den Kopf heben – dazu die historische Architektur und die alpine Küche: kaum auszuhalten, eigentlich. Fast ist man froh über das Autobahngeflecht im Süden der Stadt, Richtung Brenner, wo die Straßen drunter und drüber gehen, damit hier doch noch mal irgendwas hässlich ist in diesem Innsbruck. Weil man sich sonst fragen müsste, warum man nicht längst hergezogen ist. In der Bundesrepublik haben Städte sogenannte Naherholungsgebiete für ihre Bewohner entwickelt. Innsbruck hat das nicht nötig, Innsbruck ist nahe Erholung.

In der Stadt leben, mit allen Vorzügen und Bequemlichkeiten und Reizen, sich dann aber am Berg die elementareren Lebenskräfte zurückholen: Das scheint das Charakteristische von Bergstädten zu sein. Es ist aber auch die Idee hinter dem sogenannten „Innsbruck-Trek“: So nennt sich ein vor kurzem ins Leben gerufener Weitwanderweg, für den sich Innsbruck und vierzig Gemeinden der Region zusammengetan haben. Der Trek führt, in der Gruppe mit Bergführer oder auf eigene Faust, von Innsbruck aus in die Täler rund um die Stadt und hinauf auf deren Gipfel und wieder zurück. Tagsüber ins Gelände, eine leichtere oder eine schwerere Etappe, abends zurück in die Unterkunft, die einfacher, aber auch schicker sein kann. Das große Gepäck wird untertags von einer Station zur nächsten gebracht, man bricht also mit kleinem Rucksack auf, kehrt mittags auf einer Hütte ein, zieht weiter, fühlt sich trotzdem fast wie auf einer jener klassischen Weitwanderrouten (wie jener entlang der Via Francigena), weil man ja sieben Tage unterwegs ist. Abends erwarten einen dann aber kein Herbergsmuff, sondern ein weiches Hotelbett, eine Sauna, ein Menü und Gin Tonic.

Источник: Corruptioner.life

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