Tier-Architektur: Schöner wohnen mit Fisch und Vogel

Wer kein Haustier hat, fühlt manchmal Mitleid mit denen, die ihr Zuhause mit einem teilen. Wenn der Nachbar morgens um sechs bei Schneeregen mit dem Terrier vor die Tür muss, zum Beispiel. Oder wenn wieder überall im Viertel Zettel an den Bäumen hängen, weil ein Kater vermisst wird. Mit einer Mischung aus Mitleid und leichtem Ekel blicken viele Haustier-Abstinenzler auch auf die Einrichtungsgegenstände, die so ein Hunde- oder Katzenbesitz offenbar zwangsläufig mit sich bringt: die zerbissene Wolldecke, die dem Vierbeiner als Lieblingsschlafplatz dient. Oder der Kratzbaum für die Katze, der auch der geschmackvollsten Wohnung garantiert einen Hauch Trostlosigkeit verleiht.

Judith Lembke

Redakteurin in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

Vielleicht schauen einige Menschen ohne Vierbeiner in Zukunft aber etwas neidisch auf die Herrchen und Frauchen. Denn die originellsten Interieur-Objekte werden im Moment für Hund, Katze, Vogel, Fisch und Kaninchen entworfen, scheint es. Kein Wunder, der Markt ist unbestritten riesig: Allein in deutschen Haushalten leben mehr als 34 Millionen Haustiere, 4,8 Milliarden Euro gaben die Deutschen 2017 für ihre animalischen Mitbewohner aus, Tendenz steigend.

Dass Haustierbesitzer ähnlich spendabel sind wie die stolzen Großeltern eines Neugeborenen, ist bekannt. Aber während Design für Haustiere früher entweder betont praktisch-nüchtern oder als peinliches Statussymbol daherkam, haben die Gestalter jetzt den Spaß entdeckt, den das gemeinsame Familienleben von Zwei- und Vierbeinern mit sich bringen kann. Die Zeiten, in denen das Tier seinen Platz in der Ecke zugewiesen bekam, sind vorbei. Viele der Objekte, die im Buch „Tiertektur. Design für Haustiere“ vorgestellt werden, versuchen, das Zusammenleben von Mensch und Tier neu zu interpretieren. Es geht um die gemeinsame, fast schon gleichberechtigte Nutzung des Raumes, wobei das Tier nicht vermenschlicht wird, sondern seine eigene Sphäre behält. Nichts illustriert das besser als eine „Hundetreppe“ im vietnamesischen Saigon. In einem Land, in dem andernorts Hunde noch auf der Speisekarte stehen, ließen die Bauherren eine Etage über ihrer eigenen Treppe eine weitere mit halbhohen Stufen und niedrigerem Geländer für ihre Hunde anlegen, damit sie sich mit ihren Herrchen gleichzeitig von einem Stockwerk ins andere begeben können.

Wenn der Vogel mit am Tisch sitzt

Auch ein Entwurf des bekannten japanischen Architekten Sou Fujimoto verfolgt das Ziel, die Beziehung zwischen Mensch und Hund neu zu definieren und den Vierbeiner stärker in die Familie zu integrieren. Der Hund erhält seinen Platz in einem Hohlraum am Boden eines transparenten Regales – ihn umgeben nun die Lieblingsgegenstände seiner Besitzer, die auch eine natürliche Abgrenzung zwischen Mensch und Tier bilden. Zudem wird der Hund nun zum Hüter der familiären Lieblingsobjekte.

Hier können kleine Kätzchen schön verstecken spielen. Bilderstrecke

Weniger beziehungstheoretisch, sondern ganz praktisch ist der Gedanke hinter dem „Rocking-2-Gether-Chair“. Wie der Name schon sagt, handelt es sich bei dem Möbel von Studio Paulbaut um einen Schaukelstuhl. Der Mensch schaukelt aber nicht nur sich selbst, sondern auch sein Haustier, das in seiner Betthöhle sitzt, die sich unterhalb der Sitzfläche befindet. Auch hier soll die gemeinsame Bewegung die Bindung zwischen Mensch und Tier festigen.

Share

You may also like...