Serie „Love, Death & Robots“: Im Kühlschrank brennt noch das jüngste Gericht

Eine gute, weil originelle Idee ist manchmal wie ein Kinderfahrrad, bei dem unerwartet die Stützräder abbrechen. Sie ist nicht neu, die Bewegungsrichtung bleibt gleich und doch führt sie zu einem ganz neuen Gefühl der Freiheit. Netflix’ jüngste Anthologie-Serie „Love, Death & Robots“ führt das auf bizarre, oft blutige, mitunter aber auch bezaubernd schöne Art und Weise vor Augen.

Axel Weidemann

Beispiel Geistergeschichte: Ein Handelsreisender und sein Sohn bleiben mit dem alten Plymouth in der Wüste liegen. Das Kühlwasser ist versiegt, sie übernachten im Wagen. Zuvor weist der Vater darauf hin, dass diese Wüste einst weit unter dem Meeresspiegel lag und der Lebensraum unzähliger Lebewesen war. Er stellt sich vor, wie ihre Seelen des Nachts über die Ebene huschen. Und tatsächlich, so geschieht es. Es hebt ein im Zeichentrick-Stil gezeichneter Geisterreigen an, dessen Buntheit Disneys „Ariel die Meerjungfrau“ beinahe blass aussehen lässt: Schwärme von Quastenflossern, Gliederfüßer aus der Gattung Eurypterus, Pfeilschwanzkrebse und gigantische Plesiosaurier durchpflügen die Nacht. Zeitlich stimmig ist das nicht, aber was scheren die unsterblichen Seelen schon so etwas wie geologische Zeitskalen. Nur darf der Mensch eben nicht den Fehler machen – der Junge macht ihn selbstredend – das Treiben zu stören. Wer sich in geistreiche Gefahr begibt, kommt darin um.

Auf dem Trocken? Nicht ganz: Vater und Sohn erleben in der Episode „Nacht der Fische“ ihr blaues Wunder.

Dieser Kniff, das Schöne, Geheimnisvolle und Bezaubernde ins Groteske oder Banale kippen zu lassen (oder umgekehrt), ist der Grundtakt, auf dem beinahe alle Episoden von „Love, Death & Robots“ beruhen. Verantwortlich für die achtzehn Kurzgeschichten à fünfzehn Minuten, die den Netflix-Nutzern in vier möglichen Reihenfolge-Variationen angezeigt werden (wobei hier das Abschneiden des Abspanns einer Amputation gleicht) sind David Fincher und Tim Miller. Laut dem Internetportal ign.com schwebte ihnen ursprünglich eine Art Remake des Zeichentrickfilms „Heavy Metal“ (1981) vor. Nun ist es eine Art serieller Adventskalender des menschlich-außermenschlichen Irrsinns, Unglücks und Glücks geworden. Keine Episode gleicht der anderen und bis auf zwei sind alle komplett und in den meisten Fällen mit erheblichem Aufwand von insgesamt fünfzehn verschiedenen Studios animiert worden. Sie basieren auf Geschichten preisgekrönter Autoren wie Alastair Reynolds („Revelation-Space“-Zyklus, „Poseidon’s-Children“-Trilogie), John Scalzi („Krieg der Klone“, „Redshirts“), Ken Liu („The Paper Menagerie“, „The Man Who Ended History“), Peter Hamilton („Armageddon“-Zyklus), Michael Swanwick („In Zeiten der Flut“) und Joe R. Lansdale („Die Wälder am Fluss“).

Blick in den Abgrund: In „Drei Roboter“ erfahren drei Untergangstouristen, warum es mit der Menschheit ein böses Ende nahm.

Der Genre- und Stilmix entpuppt sich als Ritt durch Zeit und Raum, wobei der Zuschauer sich auf dem Rücken einer neuen Art von Zentaur wähnt, hinten Pegasus, vorne Android. Die Motive reichen vom Doppelgänger bis zum Gangsterdoppel. Stets liegt der Fokus auf etwas anderem. In der auf einer John-Scalzi-Erzählung beruhenden Episode „Drei Roboter“ betreibt das elektronische Trio Sightseeing in den Ruinen einer untergegangenen Menschenzivilisation und versucht – in lakonischen Dialogen – herauszufinden, warum die Menschheit verschwunden ist, warum sie überhaupt da war und wer an allem schuld ist. Auch aus der Feder Scalzis stammt jene Geschichte, in der ein genetisch veränderter Joghurt Präsident der Vereinigten Staaten wird und nach außen zum Wohle ebenjener, im eigentlichen aber zu seinem eigenen Vorteil regiert. In einer anderen Folge fragt sich die Software der „Multiversity“, wie sich unterschiedliche Todesarten von Adolf Hitler auf die Zukunft ausgewirkt hätten. In einer Variante landet Willy Brandt auf dem Mond, in einer anderen ist es ein Tintenfisch.

Etwaige Ähnlichkeiten mit tatsächlichen Begebenheiten oder lebenden oder verstorbenen Personen wären rein zufällig: Hier regiert ein Joghurt die vereinigten Staaten von Amerika.

Kurz, es geht um den existenziellen Kampf des Menschen im Angesicht von Raum, Zeit und Natur – und, falls nicht schon im Vorangegangenen enthalten, Liebe, sowie den ganzen Rest. Nun hat man bei Netflix mit an den losen Fäden von Gesellschaft und Universum zupfenden Anthologie-Serien schon Erfahrung („Black Mirror“ oder „Philip K. Dick’s Electric Dreams“), doch entwickelt keine diese Art von chaotischem Moment und ängstlicher Vorfreude darauf, durch welche unterbewusste Falltür es wohl als nächstes geht. Manchem Kollegen ist das zu „abgedreht“, während „der kritische Blick“ auf die Welt fehle. An dieser Stelle sei die Frage erlaubt, ob es nicht diese Art von immer noch seltenem Wagnis war – Inhalte bereitzustellen die auf jegliche Art von Zeigefinger, Konvention oder politischer Korrektheit pfeifen –, für die das betäubte Fernsehpublikum vor nicht langer Zeit Streamingdienste wie Netflix, Hulu, Amazon und Co. feierte?

Blutig ist das Ganze, dafür selten obszön oder zynisch. Die Serie hat eine Altersfreigabe ab achtzehn, die wohl nur von aufmerksamen Eltern oder Triggerwarnungsbefürwortern durchgesetzt werden kann (und gegebenenfalls sollte). Was noch auf der Strecke bleibt: Hoffnung. Was wiederum den Zeitgeist trifft – wenn die einen gegen das vermeintliche Ende des Internets und die anderen gegen das wahrscheinlichere Ende der Welt protestieren. Hoffnung macht allein die göttliche Episode „Eiszeit“ (Michael Swanwick) in der ein junges Paar (gespielt von Elizabeth Winstead und Topher Grace) eine eigene Miniatur-Welt im uralten Kühlschrank ihrer frisch erworbenen Wohnung findet – samt Mammut im Eiswürfel. Hier läuft die Entwicklung vor ihren Augen in rasanter Geschwindigkeit ab: Während einer Nacht außerhalb des Kühlschranks geht es drinnen von der Steinzeit über die Moderne, deren Überwindung, die Apokalypse und deren Überwindung, die Umwandlung jedweder Existenz in frei fluktuierende Information bis hin zu deren Kollaps. Doch das ist nicht das Ende. Selten starb die Hoffnung schöner.

Love, Death & Robots läuft bei Netflix.

Источник: Corruptioner.life

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