Serie „Die Morde des Herrn ABC“: Der Menschen ist er müde

Ausgerechnet John Malkovich die Rolle von Agatha Christies Meisterdetektiv Hercule Poirot anzutragen – auf diese Idee muss man erst einmal kommen. Gut, er hat schon einen durchtriebenen Vicomte („Gefährliche Liebschaften“) und einen Musketier („Der Mann mit der eisernen Maske“) gegeben; gerade filmt er mit Paolo Sorrentino als „The New Pope“ die Fortsetzung der Sky-Serie „The Young Pope“. Trotzdem drängt sich der Schauspieler mit der Aura eines räudigen bis raffiniert gefährlichen nordamerikanischen Steppenwolfs schon physisch nicht als Idealbesetzung auf, wenn es um die Verkörperung eines eierköpfigen, zu alteuropäischer Rundlichkeit und pedantischen Überkultiviertheit neigenden belgischen Schnurrbartfetischisten mit Superhirn geht. Für die dreiteilige Neuverfilmung des Kriminalromans „Die Morde des Herrn ABC“ (The A.B.C. Murders) von 1936 muss die BBC darauf vertraut haben, dass Malkovich nicht bloß Star-Qualitäten mitbringt, sondern prinzipiell alles spielen kann. Und lag damit richtig.

Ursula Scheer

Unsentimental verabschiedet sich Malkovich von all den Drolligkeiten, die Albert Finney und Peter Ustinov in unvergesslichen Auftritten mit Poirot verbunden haben, angefangen bei der Barttracht. Er verweigert die werktreue Anverwandlung, mit der David Suchet in der ITV-Serie „Agatha Christie’s Poirot“ brillierte. Und vom Actionheld-Gehabe eines Kenneth Branagh, der 2017 den „Mord im Orient-Express“ als All-Star-Spektakel zurück ins Kino holte, lässt er sich erst recht nicht beeindrucken.

John Malkovich spielt Hercule Poirot in großer Ernsthaftigkeit als einen Mann mit verdüsterter Seele, der den Zenit seines Ruhms weit überschritten hat und sich auf dem Weg in die Bedeutungslosigkeit des Alters befindet. Frühere Sünden plagen den Katholiken: Als Liebling der Society hat er Kapitalverbrechen wie Gesellschaftsspiele aussehen lassen; als junger Mann in Belgien den Glauben verloren. Warum und wie, enthüllen die mit Rückblenden durchschossenen Episoden, die einer freien Adaption der Drehbuchautorin Sarah Phelps folgen, erst ganz zum Schluss. Sie fügen der schon auserzählt geglaubten Figur eine Vorgeschichte und damit einen Wesenskern hinzu, wie Agatha Christie sie nicht besser hätte ersinnen können. Alles Weitere bewegt sich jenseits ihrer erzählerischen Welt.

Seir „Harry Potter“ sind ein paar Tage vergangen: Rupert Grint spielt Inspector Crome.

Denn in dem von Alex Gabassi optisch glänzend inszenierten Remake der ABC-Morde wird aus einem mechanischen Plot, in dem ein Serientäter die Polizei und Poirot nach dem Fahrplan der Eisenbahn quer durch ein mörderisches Alphabet jagt, ein mit nie trocknendem Theaterblut übergossener, mit verzweifelten bis abstoßenden sexuellen Begierden gewürzter und mit britischem Nationalismus protofaschistischer Prägung gewürzter Kriminalfall. Sarah Phelps hat schon andere Christie-Romane blutig für die BBC adaptiert („And Then There Were None“, „Ordeal by Innocence“); auch dieses Mal dreht sie wieder kräftig am Regler für Schock- und Schauwerte und schraubt nebenbei einen Kommentar zur populistischen Gegenwart in die Handlung. Die Kamera von Joel Devlin schraubt voller Ekelfaszination erst auf ein Furunkel, dann auf ein Spiegelei, tastet Frauenbeine umspannende Strumpfbänder ab und taucht in das Innere einer Schreibmaschine ein.

Darüber gerät die Hauptfigur leicht ins Hintertreffen. Als mürber Migrant unter ausnahmslos schrecklichen Menschen braucht der Alte in dieser Miniserie für Misanthropen den kriminologischen Triumph, um sich nicht selbst zu verlieren im Kampf gegen das allgegenwärtige Böse. Seiner Freunde und Helfer Captain Hastings und Chief Inspector Japp beraubt – musste der melodramatische Tod im Kohlfeld wirklich sein? –, wirkt er isoliert, fremdgesteuert und fehl am Platz wie der mysteriöse Alexander Bonaparte Cust (Eamon Farren).

Auf der Flucht: Eamon Farren spielt Alexander Napoleon Cust.

Dieser Herr ABC ist als Handlungsreisender in einer Absteige gelandet, die sich als Familienbordell entpuppt; er tippt böse Ankündigungsbriefe an Poirot und verkauft immer dort seine (in der Neuverfilmung fetischisierten) Seidenstrümpfe an Haustüren, wo der nächste Mord geschieht. Cust hat Blut an den Händen und im Gesicht. Neben den Opfern liegt stets, ob im Tabakwarenladen von Alice Ascher in Andover, am Strand von Bexhill oder bei einem noblen Anwesen in Churston, ein Fahrtenbuch: der ABC-Gesamtplan. Und die Initialen sowie Wohnorte der Ermordeten buchstabieren ihn durch.

Wie kann dieser Niemand Hercule Poirot an der Nase herumführen? Letzterer wird es herausfinden. Bis dahin sehen wir viele exquisit komponierte Bildtableaus mit Lebenden oder Toten zwischen auf Hochglanz polierten Holzvertäfelungen, tickenden Großvateruhren oder in unter Volldampf dahinschießenden Lokomotiven. Wir steigen mit Poirot hinab in Kerker, flanieren mit ihm am Meer entlang, besuchen ein Arbeiterviertel und blicken in den Trubel eines Swing-Clubs.

Jedes Opfer, ob reich, ob arm, ob Mann oder Frau, hatte Feinde. Die einzige Verbindung zwischen ihnen sind die Briefe des mutmaßlichen Täters. Poirot selbst gerät ins Visier von Scotland Yard und des milchgesichtigen Inspectors Crome („Harry Potter“-Veteran Rupert Grint).

Der Detektiv erduldet es mit von Malkovich in nuanciertem Minimalismus ausgespieltem Gleichmut. Wie der Schauspieler darzustellen vermag, dass es rasend in Poirots Kopf arbeitet, wie Flashbacks sich zu Hypothesen fügen, während der Detektiv äußerlich unbewegt bleibt, ist meisterhaft. Dieser Poirot ist der Menschen müde. Wie könnte er auch anders: Das Drumherum hat so viel mit den heiteren Mörderjagden früherer Jahre zu tun wie eine romantische Komödie mit einem Porno. Gewaltverbrechen sind nicht unterhaltsam, schon recht. Und Europa stand 1936 am Abgrund. Aber wenn Sex und Crime zum Selbstzweck werden wie hier, braucht es schon einen John Malkovich, um das Ganze als Poirot-Krimi zusammenzuhalten.

Die Morde des Herrn ABC, abrufbar bei TV Now

Источник: Corruptioner.life

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