Ökologischer Mehrwert? Gartenschauen in der Kritik

Es wird Ihnen gehen wie mir, wenn Sie eine Gartenschau besuchen. Nach der ersten Begeisterung für die herrliche Gestaltung der Landschaft beschleicht einen spätestens bei der dritten allzu üppig bepflanzten Blumeninsel die ketzerische Frage, ob das viele Geld wirklich lohnend eingesetzt wurde. Die gerade eröffnete Bundesgartenschau (BUGA) findet im Zweijahresrhythmus in wechselnden Städten statt; der föderalen Gliederung Deutschlands verdanken wir darüber hinaus die Landesgartenschauen.

2017 zählte die Internationale Gartenschau in Berlin 400.000 Besucher weniger als erhofft. Es blieb ein Loch in der Kasse; die Verantwortlichen trösteten sich, dass ein Volkspark entstanden sei. Die Landesgartenschau im hessischen Bad Schwalbach war 2018 ein Reinfall; die Besucher kamen nicht, und aus der öffentlichen Hand flossen Subventionen in Millionenhöhe. Ein wenig frequentierter Kurpark ist geblieben.

Die großen Schauen stehen vor der Herausforderung, divergierende Ziele unter einen Hut zu bringen. Begründet im langen neunzehnten Jahrhundert, wollten und wollen sie einem breiten internationalem Publikum die Leistungsfähigkeit des deutschen Gartenbaus demonstrieren. An der Ausrichtung der BUGA und IGA beteiligen sich daher die nationalen Vertretungen einschlägiger Organisationen und Verbände. Schirmherr ist aber der Bundespräsident, auch wenn er keinen grünen Daumen hat.

Zu teuer, zu unnatürlich

Die Schauen sollen auch Möglichkeiten urbanistischer Entwicklung eröffnen. Die erfolgreiche BUGA in Mannheim schuf 1975 auf 42 Hektar eine der schönsten Parkanlagen Europas: Am linken Neckarufer entstanden im Oberen Luisenpark Wohnräume im Freien, die den Bewohnern der Industriestadt zur Entspannung und Erholung dienten. Auch bei der aktuellen Bundesgartenschau in Heilbronn werden große städtebauliche Ziele avisiert: Ein neues urbanes Quartier ist geplant; dafür wurden eine Bundesstraße verlegt und ein Flussufer renaturiert.

Aussichtsplattform „Wolkenhain“ auf der Internationalen Gartenausstellung 2017 in Berlin Bilderstrecke

Doch Kritik wird lauter. Zum einen sind es die Kosten, die nicht nur die Rechnungshöfe monieren. Zum anderen sind größere Eingriffe in die Landschaft, die bis in die siebziger Jahre kaum auf Widerstand stießen, immer schwerer zu vermitteln. Protest formiert sich, wenn Kettensägen und Planierraupen zum Einsatz kommen; und wenn die Landschaftsgärtner gar Feuchtwiesen trockenlegen, hört der Spaß für viele grün bewegte Zeitgenossen ganz auf.

Nachhaltigkeit ist das Zauberwort

Dennoch wird mutig geplant: 2021 will Erfurt an seine große Tradition anknüpfen und die BUGA nach Thüringen holen, wo 1865 die erste Allgemeine Deutsche Gartenbauausstellung stattfand. Für 2023 hat Mannheim den Zuschlag erhalten, um dort die Erfolgsgeschichte von 1975 fortzuschreiben. Wichtiger als der berechtigte Argwohn, ob es nicht zu viele Gartenschauen gibt, ist die Erkenntnis, dass diese Veranstaltungen nur dann Erfolg haben werden, wenn sie der Stadtentwicklung nachhaltige Impulse geben.

Langfristig nutzbare Park- und Gartenanlagen können angesichts gewachsener Strukturen allerdings nicht mehr ex nihilo geschaffen werden. Urbanistische Projekte, die den öffentlichen Park für eine städtisch-industrielle Gesellschaft quasi neu erfanden, konnten in den ersten Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg realisiert werden; heute sind sie nicht mehr konsensfähig.

Der ökologische Mehrwert und der soziale Nutzen dieser Ausstellungen sind nur dann noch zu vermitteln, wenn die Landschaftsgestaltung mit minimalen Eingriffen einhergeht. Das Vorhandene muss neu entdeckt, Veränderungen auf das notwendige Maß reduziert und der Genius Loci bewahrt werden.

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Источник: Corruptioner.life

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