Katarina Barley hat es bei dem Europawahlkampf der SPD nicht leicht

Noch eine Woche Lächeln. Katarina Barley ist die Spitzenkandidatin der SPD zur Europawahl. Vielen ist sie bekannt als Justizministerin, manchen war sie noch in Erinnerung als sympathische SPD-Generalsekretärin oder als Familienministerin. Oder auch als interimistische Arbeitsministerin. Denn all diese Ämter hat die fünfzig Jahre alte Juristin in den vergangenen zwei Jahren innegehabt. Augenblicklich versucht Barley als sympathische Spitzenkandidatin ihrer schrumpfenden Partei zur Europawahl zu helfen. Noch ist die Abstimmung nicht gelaufen, aber die bisherige Bilanz ihrer Auftritte ähnelt dem, was Barley in den anderen Ämtern hinterlassen hat: Lebhafte Erinnerungen an eine unheimlich nette Politikerin, aber keine Vorstellung von dem, was sie eigentlich mit dem Amt anfangen wollte und vor allem, was sie erreicht hat. Eine Karriere wie ein Aufstieg ins himmelblaue Nichts.

Peter Carstens

Passend dazu hat die Berliner Parteizentrale ihre Kampagne zur Europawahl gestaltet: Vor astralblauen Hintergründen blickt eine versonnen lächelnde, jugendlich gepixelte Spitzenkandidatin ins Ungefähre. „Kommt zusammen für Europa“ lautet ein Slogan und „Europa ist die Antwort“. Davor ein Hashtag-Doppelkreuz, das signalisieren soll, wie digital die Kampagne läuft. Dafür wurde eigens ein vielköpfiges Team von Social-Media-Mitarbeitern eingestellt, die auf dem Europaparteitag Anfang März wie eine Phalanx die Reihen der Berichterstatter dominierten und für Präsenz im Netz sorgen sollten. Bei all diese Digitalhuberei wurde aber vergessen, ganz analog Martin Schulz, den früheren Kanzlerkandidaten und eigentlichen „Mister Europa“ der Sozialdemokraten zum Parteitag einzuladen. Schulz saß 23 Jahre im Europaparlament, war von 2012 bis 2017 dessen Präsident. Seine Wahlkampagne vor fünf Jahren wirkt im Rückblick und im Vergleich zur Gegenwart wie ein Orkan, 27,3 Prozent errang der Kämpfer Schulz und verbesserte damals das Parteiergebnis um satte sechs Prozentpunkte.

Diesmal Barley. Seit Oktober vergangenen Jahres ist sie die Spitzenkandidatin ihrer Partei. Sie kommt nicht allein, sondern es gibt aus parteiinternen Gründen und wegen alter Vorrechte noch einen zweiten Mitkandidaten, der seit vielen Jahren im Europaparlament sitzt und dort die sozialdemokratische Fraktion führt, Udo Bullmann. Anders als Martin Schulz kannte und kennt ihn praktisch niemand. Daran hat der Wahlkampf auch nicht viel verändert. Bullmann, ein älterer Herr mit Schnauzbart, ist sozusagen der jüngere Elmar Brok der SPD. Auch Bullmann ist in Europa gut vernetzt und kennt sich, im Gegensatz zu Barley, in Brüssel seit Jahrzehnten aus. Er wird künftig vielleicht noch gebraucht. Im Wahlkampf jedoch hat Bullmann kaum eine Rolle gespielt. Plakate von ihm, dem Ko-Spitzenkandidaten, waren selten zu sehen. Und wenn, dann trugen sie zur Verwirrung bei – wer ist dieser Mann?

Barley, das eigentliche Gesicht der Kampagne, hatte sich lange überlegen müssen, auf Bitten von Andrea Nahles für ihre Partei anzutreten und zwischendurch schon abgesagt. „Es gab wechselnde Pegelstände“, sagte sie bei ihrer Nominierung im Oktober und sie habe sich „letztendlich entschlossen“ es zu machen. Das klang bei allem freundlichen Lächeln doch, als sei sie mäßig überzeugt zum Unvermeidlichen gezwungen. Nach Lage der Dinge bedeutet „es“ für sie nämlich, das attraktive Ministeramt in Berlin einzutauschen gegen einen unbestimmten Platz in den künftig gelichteten Reihen der Sozialdemokraten im Europäischen Parlament. Außerdem: Bullmanns Weide. Doch aus Liebe zu Europa und gerührtem Blick auf ihre europäische deutsch-britische Kindheit, ihre multi-europäischen Kinder und ihren Lebensgefährten, einen Sporttrainer in Amsterdam, zog Barley dann doch los, versehen mit einem bedrohlichen 99-Prozent-Ergebnis eines Parteikonvents. Sie bevorzuge einen Wahlkampf der leisen Töne, ließ sie noch wissen, um dann in einer der stillsten Kampagnen aller Zeiten zu entschwinden.

Источник: Corruptioner.life

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