Geldanlage in Aktien: Soll ich jetzt Bayer kaufen?

Sollten die Vorstände des Leverkusener Bayer-Konzerns nach all dem Chaos der vergangenen Wochen auf ein paar ruhigere Tage gehofft haben, so war diese Hoffnung am Dienstag vergangener Woche schon wieder dahin. Da nämlich gab eine Jury im kalifornischen Oakland ein Urteil bekannt, das große Nervosität an den Börsen auslöste. Die Bayer-Aktie fiel gleich danach auf den tiefsten Stand seit 2012.

Dennis Kremer

Redakteur im Ressort „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

Aktionäre und Vorstand erleben einen einzigen Albtraum, der scheinbar nicht enden will. Denn die Jury hatte entschieden, dass die Krebserkrankungen der beiden Kläger, der Eheleute Alva und Alberta Pilliod, unter anderem auf den Einsatz von Glyphosat zurückzuführen seien. Ebenjenes Unkrautvernichtungsmittel, mit dessen Verkauf der amerikanische Monsanto-Konzern jahrzehntelang richtig viel Geld verdient hatte und das nun für Bayer zum wohl größten Problem seiner mehr als hundertfünfzigjährigen Firmengeschichte geworden ist.

Denn seit dem Frühsommer des vergangenen Jahres gehört Monsanto zu Bayer, es war die größte Übernahme, die je ein deutscher Konzern im Ausland gewagt hat. Rund 63 Milliarden Dollar hat dies die Leverkusener gekostet, sie schmiedeten einen der größten Agrarkonzerne der Welt. Doch erfreuen können sich Bayer-Chef Werner Baumann und seine Kollegen an Monsanto nicht. Im Gegenteil:

Seit der Übernahme haben nun schon drei amerikanische Gerichte befunden, dass Glyphosat Krebs auslösen könne und dass Monsanto nicht davor gewarnt habe. Bayers Anwälte wehren sich mit Vehemenz dagegen, bislang jedoch ohne jeden Erfolg. Stattdessen werden die möglichen Strafzahlungen immer höher und höher. 55 Millionen Dollar Schadenersatz sprach die Jury in Oakland dem Ehepaar Pilliod am vergangenen Dienstag zu.

Mehr als 13.000 Klagen

Das klingt viel, ist aber wenig im Vergleich zu einer zweiten Strafzahlung („punitive damages“ genannt), die im amerikanischen Recht häufig vorkommt und die die Eheleute ebenfalls erhalten sollen: Jeder der beiden soll demnach eine weitere Milliarde Dollar bekommen. Auch wenn es sich bei allen Urteilen bislang um Entscheidungen der ersten Instanz handelt, macht eine einfache Rechnung die Nervosität der Anleger verständlich:

In den Vereinigten Staaten sind mittlerweile mehr als 13.000 Klagen von Privatleuten wegen Glyphosat anhängig. Mit jedem Richterspruch werden es mehr, denn die Hoffnung auf Entschädigung steigt. Keiner kann sagen, wie viele weitere Klagen es noch geben wird, schließlich nutzen Landwirte Glyphosat seit Jahrzehnten, bis heute übrigens. Die ungeheure Höhe der möglichen Strafzahlungen könnte selbst das stärkste Unternehmen überfordern.

Die Anleger fragen sich darum: Könnte Bayer, vor noch gar nicht langer Zeit das wertvollste börsennotierte Unternehmen Deutschlands, an Glyphosat zugrunde gehen, wenn es ganz schlimm kommt? Oder ist die Aktie nach dem gewaltigen Absturz von mehr als 40 Prozent seit dem Monsanto-Kauf mittlerweile nicht sogar schon wieder einen Blick wert? Ein gestandener Konzern ist nun mal nicht alle Tage zu solch einem günstigen Börsenkurs im Angebot.

Alles hängt an der Frage, wie sehr Monsanto seinem neuen Mutterkonzern Bayer noch zusetzen kann. Man muss wissen: Alle bisherigen Klagen richten sich gegen Monsanto – und nicht gegen Bayer. Eine Beschränkung der Haftung ist rechtlich unter bestimmten Bedingungen möglich. Auf Anfrage der F.A.S. teilt Bayer dazu mit: „Eine Haftung in rechtlichen Auseinandersetzungen hängt im Einzelfall davon ab, welche Gesellschaften Partei des jeweiligen Rechtsstreits sind, vorausgesetzt natürlich, dass es überhaupt zu rechtskräftigen Verurteilungen kommt. Verbindlichkeiten von konsolidierten Unternehmen wirken sich aber in der Konzern-Bilanz aus.“ Entscheidend ist hier der zweite Satz. Auch wenn es das Unternehmen etwas gewunden formuliert, besagt er im Klartext: Bayer muss für Monsanto geradestehen, ohne Wenn und Aber. Für die Aktionäre ist das eine schlechte Nachricht.

Die Existenz des Unternehmens

Zugleich geht jedoch kein Experte davon aus, dass Bayer am Ende wirklich Hunderte Milliarden Dollar an Strafen zahlen muss. So könnten die Urteile in zweiter Instanz abgemildert werden, Bayer hat gegen alle Entscheidungen Berufung eingelegt. Viel wahrscheinlicher ist aber, dass das Unternehmen sich auf Vergleiche mit den Betroffenen einlassen wird. Es heißt, Bayer warte nur darauf, wenigstens bei einer der vielen Klagen einmal nicht den Kürzeren zu ziehen. Dann nämlich, so das Kalkül, lässt sich mit den Klägern leichter über einen Vergleich verhandeln.

Источник: Corruptioner.life

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