ESC-Tagebuch aus Tel Aviv (6): Alles wie immer

Der Israeli mit den Kopfhörern geht an den holländischen Besuchern vorüber, die enge Hosen und sorgfältig rasierte und gelegte Haare tragen. „Was für eine Veranstaltung findet denn hier statt?“, fragt er, im Hintergrund die lilafarben angestrahlte Messehalle. „Eurovision? Was ist das?“

Jochen Stahnke

Politischer Korrespondent für Israel, die Palästinensergebiete und Jordanien mit Sitz in Tel Aviv.

Es ist nicht so, dass die Leute in Tel Aviv ignorant wären. Nur gibt es in der Stadt beinahe wöchentlich Feste, Messen und andere Veranstaltungen. „Die Stadt ist eigentlich genau wie sonst auch“, sagt Gil, der in Tel Aviv lebt. Jenseits der Messe und der Strandpromenade hängen kaum Plakate des Eurovision-Festivals. Insgesamt sollen kaum mehr als 5000 ESC-Touristen aus dem Ausland nach Israel gekommen sein. Eine geringe Zahl im Vergleich zu den ESC-Finals der vergangenen Jahre und auch angesichts der fast 400000 Touristen, die durchschnittlich jeden Monat nach Israel reisen. Erklärt wird die geringere Besucherzahl nicht mit der Sicherheitslage, sondern über die allgemein hohen Preise in Israel und jene für die Konzerte. Zwischen 100 und 150 Euro kostet der Eintritt pro Abend. Die Tel Aviver Stadtverwaltung hat auch das jährliche Food-Festival noch in das „Eurovillage“ an die Strandpromenade verlegt, um das einheimische Publikum zu motivieren. Zur Übertragung des ersten Halbfinals am Dienstagabend kamen immerhin Hunderte Israelis.

Die Regierung dagegen hat sich weitgehend zurückgezogen. Der veranstaltende öffentlich-rechtliche Sender Kan hat zur Finanzierung des ESC zwar einen Kredit der Regierung erhalten, aber ansonsten kein zusätzliches Geld. Das liegt auch daran, dass Kan und Netanjahu nicht das beste Verhältnis pflegen. Netanjahu möchte die politische Berichterstattung des Senders schwächen; in den Koalitionsverhandlungen ist die Rede davon, dem Sender insgesamt zwei Drittel seines Budgets zu nehmen. Jedenfalls erklärte Benjamin Netanjahu den ESC zu einer „individuellen internationalen Veranstaltung“, die der Staat nicht fördere, was laut Netanjahu auch daran liege, dass die Regierung den Sabbat nicht entehren wolle. Diese Botschaft richtete sich an die Ultraorthodoxen. Sie machen einen stetig wachsenden Teil der Bevölkerung aus und werden auch in der künftigen Regierung so stark vertreten sein wie lange nicht. Überhaupt brauche sich das Vereinigte Thora-Judentum nicht zu sorgen, schrieb Netanjahu in einem offiziellen Brief an die ultraorthodoxen Politiker: Die meisten Teilnehmer des ESC seien ohnehin nicht jüdisch.

Schinken-Pizza auch am Sabbat

Wenn in Tel Aviv von Eskapismus die Rede sein kann, dann bezieht sich dieser vor allem auf den säkularen Charakter der Stadt. Auch am Sabbat lassen sich in Tel Aviv geöffnete Restaurants finden, in denen mit Schinken belegte Pizza serviert wird. Politisch hingegen unterscheidet sich Tel Aviv nicht ganz so stark vom Rest Israels, wie das Klischee allgemein glauben macht. Zwar spielen die Ultraorthodoxen politisch kaum eine Rolle und finden linke Kleinparteien hier ihre Stammwählerschaft: In Tel Aviv aber erhielt die linke Meretz-Partei nur neun Prozent, der rechte Likud hingegen kam auf 20 Prozent, das Mitte-Rechts-Bündnis Blau-Weiß in der Stadt auf 46 Prozent.

Und so mischten sich im Eurovillage nur wenige Dutzend vornehmlich israelische Aktivisten in die Menge, bauten am Seitenrand der Bühne eine kleine Leinwand auf und projizierten darauf Bilder der Besatzungsrealität im Westjordanland, das von Tel Aviv aus gesehen zwanzig Kilometer Luftlinie entfernt beginnt. Wütende Tel Aviver drängten die Aktivisten weg und, so berichten diese jedenfalls später, sollen sie auch geschlagen haben.

Politik spielt in Tel Aviv ansonsten kaum eine größere Rolle als üblich. Auf den Spielplätzen reden die Mütter davon, dass es diesen Sommer wohl einen Gaza-Krieg gebe. „Es sieht so aus, als wäre es mal wieder so weit“, sagt Lior an der Schaukel neben ihrer zweijährigen Tochter. In Tel Aviv hat man den „Iron Dome“, und auf dieses Abwehrsystem verlässt man sich. Wenn es die Islamisten im Gazastreifen überhaupt wagen, die Metropole direkt zu beschießen. Kurz vor dem ESC hatten sich die Hamas und Israel auf eine Waffenruhe geeinigt, ohne dass die grundsätzlichen Probleme gelöst worden wären. Lior sagt, vom ESC habe sie gehört, mehr aber auch nicht.

Sadomaso-Einlagen

Selbst die isländische Techno-Band Hatari, die ins Finale gewählt wurde, gab sich politisch zahm. Dabei hatten die Isländer nach einem Besuch der in Teilen von Israel militärisch besetzten palästinensischen Stadt Hebron noch gesagt, „die politische Realität ist wirklich widersprüchlich und absurd, und die Apartheid war in Hebron so klar“. Am Dienstag jedoch beschränkte sich der Auftritt von Hatari auf Sadomaso-Einlagen.

Die Europäische Rundfunkunion verbietet politische Statements auf und abseits der Bühne. Ob das ebenfalls für den Veranstalter gilt, wurde bislang nicht klar. Die von den Israelis produzierten Einspielfilmchen mit den Interpreten spielten jedenfalls im ersten Halbfinale nicht immer in Kern-Israel: Die serbischen Vertreter wurden auf den völkerrechtswidrig annektierten Golanhöhen präsentiert, die Weißrussin in Ostjerusalem, und der Delegation eines am Wochenende auftretenden Interpreten soll Kan einen Drehort im besetzten Westjordanland vorgeschlagen haben.

Alles egal, in Tel Aviv reden die Fans und 1500 Delegationsteilnehmer lieber über Madonna: Die Pop-Diva lässt sich ihren Auftritt am Final-Abend mit rund einer Million Euro vergüten. Und als sie das edle Dan-Hotel in Meeresnähe bezog, verlangte sie die gesamte fünfte Etage. Nur ein einziger russischer Musikproduzent soll sich bis zuletzt noch geweigert haben, seine Suite zu verlassen.

Источник: Corruptioner.life

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