Darum reichte es für Dortmund nicht zum Bundesliga-Titel

Zum großen Drama taugte dieser Nachmittag in Mönchengladbach nicht. Das deutete sich schon nach vier Minuten an, als der FC Bayern München im Fernduell mit Borussia Dortmund seinen ersten Stich machte und gegen Eintracht Frankfurt 1:0 in Führung ging. Knapp drei Minuten durfte der BVB kurz nach der Pause auf eine wundersame Wende hoffen, als die Hessen in München zum 1:1 ausgeglichen hatten.

Roland Zorn

Danach aber rückte der Titelverteidiger und neue Meister Schlag auf Schlag bis zum 5:1-Sieg die Verhältnisse zurecht, so dass der Herausforderer Zeit genug besaß, sich auch emotional auf das Unvermeidliche vorzubereiten. Als es dann um 17.20 Uhr so weit war und der eigene 2:0-Erfolg bei der anderen Borussia durch die Treffer von Sancho (45. Minute) und Reus (54.) nur noch wie eine Fußnote wirkte, flossen keine Tränen beim amtlich beglaubigten Tabellenzweiten der Bundesliga-Saison 2018/19.

Westfälisch-nüchtern gratulierten die Dortmunder, voran Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke, dem alten und neuen Bundesliga-Primus. „Sie haben zwei Punkte mehr und sind verdient deutscher Meister geworden“, zollte der Vormann der Borussia den Bayern seinen Respekt und wendete danach den Blick nach vorn, als er auf die Schwarz-Gelben zu sprechen kam. Sie seien, verklärte er ein wenig die Leistung vom Samstag, in Mönchengladbach noch einmal „wie ein Champion“ aufgetreten und hätten eine „sehr reife Leistung“ geboten.

„Ich bin sehr stolz auf die Mannschaft“, lobte Watzke seine Borussen, die später am Abend am Dortmunder Trainingsgelände gemeinsam aßen und mit einem Pils oder Glas Wein das Spieljahr ausklingen ließen. Tags darauf begann der Urlaub für die Mannschaft, die mit 76 Punkten reichlich Beute gemacht hatte, ohne die große Ernte einzufahren. Nur in Jürgen Klopps zweiter Meistersaison 2011/12 (81 Punkte) und in Trainer Thomas Tuchels erster Spielzeit, als der BVB Zweiter hinter den Bayern mit 78 Zählern wurde, waren es mehr.

Diese Saison hatte zwischenzeitlich nach einem Dortmunder Triumph ausgesehen – bei neun Punkten Vorsprung vor den Münchnern Mitte Dezember. Eine Rückrunde mit einigen Rückschlägen vor allem gegen erheblich tiefer notierte Teams – der BVB ließ sich von den fünf Mannschaften auf den Tabellenplätzen 14 bis 18 acht Punkte abknöpfen – riss die Dortmunder aus ihren kühnen Träumen. Dazu verschenkte das Team von Trainer Lucien Favre gegen Hoffenheim und Bremen sicher geglaubte Siege, als aus einem 3:0 ein 3:3 und aus einem 2:0 ein 2:2 wurde.

So wurde aus einem souveränen Tabellenführer ein immer noch beachtlich mithaltender Tabellenzweiter, der in den 17 Rückrundenspielen mit 34 Punkten gut, aber nicht mehr überragend wie in der Hinserie (42 Zähler) abschnitt. Den Münchnern, wenn auch nicht im direkten Rückrundenduell, das sie 0:5 verloren, trotz einiger Enttäuschungen einen beherzten Zweikampf bis zum Schluss geliefert zu haben, begriffen alle Dortmunder noch in Mönchengladbach als Aufforderung, die Mission Titeleroberung in der neuen Saison aufs Neue ins Auge zu fassen. „Wir werden versuchen, in den nächsten Jahren dranzubleiben“, verhieß Watzke weitere Anläufe auf die Meisterschaft, „das ist ambitioniert, aber wir werden es versuchen.“

Das Ziel diesmal knapp verfehlt zu haben, schmerzte die Spieler, die ihre Defizite nicht verhehlten. So konstatierte Kapitän Marco Reus, der weiter auf seinen ersten deutschen Meistertitel warten muss, „dass uns in der Rückrunde in gewissen Partien die Erfahrung gefehlt hat und vielleicht auch die Gier, dass jeder einzelne wusste: Dieses Jahr ist unheimlich viel drin. Das ist aber ein Lernprozess.“ In dem der BVB nicht nur in Reus‘ Augen „einen großen Schritt gemacht“ habe. Die „positiven Dinge mitzunehmen“ sei ganz wichtig auf dem Weg zum nächsten Titelkampf gegen den nun zum siebten Mal nacheinander als Meister gefeierten FC Bayern. „Borussia Dortmund gehört nach oben“, sagte Reus am Samstag voller Überzeugung, „und wir werden alles daran setzen, dass wir nächstes Jahr wieder ganz oben sind – und am Ende dann auch hoffentlich deutscher Meister werden.“

Helfen sollen dabei neue Spieler. Der Transfer von Gladbachs Thorgan Hazard nach Dortmund für gut 30 Millionen Euro dürfte in der kommenden Woche verkündet werden. Auch der deutsche Nationalspieler Nico Schulz aus Hoffenheim kommt für eine Ablösesumme, die nur etwas darunter liegen dürfte. Leverkusens Julian Brandt, der eine Ausstiegsklausel für 25 Millionen Euro hat, ist auf dem Weg nach Dortmund.

Zum Titel reichte es diesmal auch deshalb nicht, weil der BVB in der Rückrunde „unnötige Tore“ bekam, wie Trainer Lucien Favre am Samstag sagte. „Das war teuer“, verwies er auf die Konsequenz der zu häufig inkonsequenten Defensivarbeit. Der Schweizer gab aber auch zu, „dass wir in der Hinrunde maximales Glück hatten“. Es waren die Monate, in denen die Borussen im Flow waren und auch schwierigste Situationen oft genug mit Bravourstücken und Last-Minute-Siegen meisterte. Als sie wieder lernen mussten, sich von Niederlagen nicht zurückwerfen zu lassen, fehlte Favres Spielern manchmal die Abgebrühtheit und Nervenstärke der Bayern, die sich ihre Krise im vergangenen Herbst genommen hatten und danach konstant, wenn auch oft genug glanzlos, erfolgreich waren.

Der sensible Favre, der bei seinen öffentlichen Auftritten anders als bei der akribischen Arbeit mit den Spielern selten konkret wird, formulierte am Samstag einen Satz mit Tiefenwirkung, der das Verlustgefühl der Dortmunder nach ihrem langen und letztlich vergeblichen Ansturm auf den neunten Meistertitel für den BVB gut beschrieb. „Titel sind sehr wichtig“, sagte der 61 Jahre alte Westschweizer, „denn Titel bleiben für immer.“ Auf das Gefühl, einen Moment für die Ewigkeit zu erleben, müssen Spieler und Trainer weiter warten. Mindestens noch ein Jahr, wenn nicht sogar noch länger.

Источник: Corruptioner.life

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