Comedian Wolodymyr Selenskyj könnte Präsident der Ukraine werden

Am Freitagabend sollte im öffentlichen Fernsehen der Ukraine eine Debatte der drei aussichtsreichsten Kandidaten der Präsidentenwahl an diesem Sonntag stattfinden. Sie fiel aus. Präsident Petro Poroschenko und der in allen Umfragen führende Fernsehkomiker Wolodymyr Selenskyj kamen erst gar nicht. Und die frühere Ministerpräsidentin Julija Timoschenko ging gleich wieder, nachdem sie triumphierend verkündet hatte, nur sie habe genug Mut für eine solche Debatte.

Reinhard Veser

Aber das Fernsehereignis des Wahlkampfs hatte ohnehin schon am Mittwochabend zur besten Sendezeit stattgefunden: der Start der dritten Staffel der Serie „Diener des Volkes“. Die seit 2015 laufende Serie ist der Grund dafür, dass Selenskyj zum Kandidaten wurde – er spielt darin den fiktiven Präsidenten Wassilij Goloborodko, einen grundehrlichen Menschen, der sich inmitten einer von Oligarchen und korrupten Zynikern beherrschten Elite nicht verbiegen lässt. Die Ukrainer wollten auch im echten Leben einen Präsidenten wie Goloborodko sehen, hat Selenskyj der BBC in einem seiner wenigen Interviews gesagt.

Die am Mittwoch ausgestrahlten beiden ersten Folgen sind voller Anspielungen auf Selenskyjs Konkurrenten und reale Ereignisse der vergangenen Jahre. Während Goloborodko aufgrund eines an den Haaren herbeigezogenen Vorwurfs im Gefängnis sitzt, obwohl er die Präsidentenwahl am Ende der zweiten Staffel eigentlich gewonnen hat, ist der Profiteur dieser Wahlfälschung Präsident – eine Mischung aus dem 2014 in der Revolution auf dem Majdan gestürzten Präsidenten Viktor Janukowitsch und dem derzeitigen Amtsinhaber Petro Poroschenko. So wie unlängst Poroschenko macht diese Filmfigur in einer Krisensituation einen Luxusurlaub auf den Malediven. Er trägt den Spitznamen „Milchmann“, weil seine Unternehmen den Handel mit Milchprodukten vollkommen beherrschen. Auch das ist eine Anspielung auf Präsident Poroschenko, der als „Schokolodenkönig“ bezeichnet wird, weil er einen großen Teil seines Vermögens mit einem Imperium aus Süßigkeitenfabriken und den zugehörigen Läden verdient hat, die in jeder ukrainischen Stadt zu finden sind.

Comedy oder Werbespot?

Als der „Milchmann“ über seine Habgier stürzt, kommt an der Spitze von Protesten eine Politikerin an die Macht, deren Frisur, Redeweise stark an Timoschenko erinnern. Ihr einziges Interesse gilt indes extravaganten Kleidern für ihre öffentlichen Auftritte, während das Land aufgrund der Verwirklichung ihrer teuren Wahlversprechen in Hyperinflation und Chaos versinkt. Diese Versprechen unterscheiden sich nur in Details von denen der realen Timoschenko: Eine deutliche Senkung der Gaspreise und starke Lohnerhöhungen.

In der am Donnerstagabend ausgestrahlten dritten Folge ist die Ukraine in 29 Teilstaaten zerfallen und zu einer Gefahr für die Sicherheit ganz Europas geworden – deshalb sorgt die EU dafür, dass Goloborodko freikommt und endlich wieder Präsident wird. Und alles wird gut: Goloborodko eint die Ukraine wieder, siegt über die Korruption, schafft Arbeitsplätze und macht das Land innerhalb weniger Jahre so erfolgreich, dass es zu einer ernsten Konkurrenz für die reichen Westeuropäer wird. Auch in dieser Folge erinnert manches an reale Auftritte – die des Wahlkämpfers Selenskyj, dessen Losungen sich fast gleichlautend in den Reden seines fiktiven Präsidenten Goloborodko finden.

Sind die ersten beiden Folgen der dritten Staffel noch ziemlich lustig, so wirkt die dritte wie ein zu lang geratener Werbespot Selenskyjs. Auch kann man sich schwer vorstellen, wie die Serie danach noch weitergehen soll – alle Handlungsstränge sind aufgelöst, es gibt keine Ungerechtigkeiten mehr, gegen die der Fernsehpräsident kämpfen könnte. Sogar die Debatten über das Verhältnis zwischen dem Ukrainischen, der offiziellen Staatssprache, und dem im Alltag in den östlichen Landsteilen weit verbreiteten Russischen sind zur Zufriedenheit aller beendet worden.

„Das ist nur eine populäre Serie“

Er denke nicht, dass die Ausstrahlung von „Diener des Volkes“ Wahlkampf sei, sagte Selenskyj am Sonntag voriger Woche in einem Interview mit dem Fernsehsender 1+1, in dem auch die Serie ausgestrahlt wird. „Das ist nur eine populäre Serie, die Millionen Menschen lieben.“ Natürlich zeige er darin, von welchem Land er träume, aber: „Kann ein Traum Wahlkampf sein?“ Ganz sicher scheint er sich bei dieser Antwort indes nicht zu sein. Auf der Website von 1+1 waren die neuen Folgen am Samstag nicht mehr zugänglich – am Tag vor der Wahl ist Wahlkampf gesetzlich verboten.

Der Sender gehört dem Oligarchen Ihor Kolomojskyj, der mit Präsident Poroschenko verfeindet ist. Selenskyjs Gegner unterstellen, dass er nur eine Marionette Kolomojskyjs sei. Über das Verhältnis dieser beiden Männer wurde auch deshalb so viel spekuliert, weil Selenskyj bisher kein Team vorgestellt hat, mit dem er sein Land der Träume verwirklichen will. Ukrainische Medien haben berichtet, Selenskyj habe bei einem Treffen mit EU-Botschaftern inhaltlich schlecht vorbereitet gewirkt.

Präsident Poroschenko setzt darauf, dass es vielen Ukrainern am Ende doch unheimlich bei dem Gedanken wird, ein Land, das im Krieg mit dem großen Nachbarn Russland steht, einem politisch vollkommen unerfahrenen Mann zu überlassen. Er hat in den fünf Jahren seiner Amtszeit zwar viele Ukrainer enttäuscht. Auch hat ihm im Wahlkampf die Aufdeckung einer Korruptionsaffäre in seiner unmittelbaren Umgebung geschadet. Dennoch hat Poroschenko laut den jüngsten Umfragen etwas bessere Chancen als Timoschenko auf einen Einzug in die Stichwahl. Die Ergebnisse der ukrainischen Demoskopie sind indes mit großer Vorsicht zu genießen. Daher zweifeln manche ukrainische Beobachter auch daran, dass Selenskyj wirklich schon der sichere Sieger ist, als der er vielen schon erscheint. 

Источник: Corruptioner.life

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